Auf den Spuren des abwesenden Vaters

Auf den Spuren des abwesenden Vaters: „WIR. SÖHNE des ODYSSEUS“
Was bedeutet es eigentlich, im Schatten eines Helden aufzuwachsen? Oder viel banaler: Was macht es mit einem jungen Menschen, wenn der Vater schlicht nicht da ist? Mit diesen zeitlosen und gleichzeitig brennend aktuellen Fragen setzt sich das Theaterkollektiv B14 in seiner neuesten Produktion auseinander.
Die Ausgangslage schmiegt sich an die klassische Mythologie: Homers Odyssee. Während der antike Held Odysseus zwanzig Jahre lang Krieg führt, Ungeheuer bezwingt und über die Weltmeere irrt, bleibt auf Ithaka sein Sohn Telemach zurück. Ein Junge, der ohne Vater zum Mann werden muss, umgeben von gierigen Freiern, die sein Erbe stehlen wollen.
Doch wer nun ein verstaubtes Kostümdrama in Toga erwartet, liegt komplett falsch. Unter der Regie und nach dem Text von Ben Crawl nutzen die jugendlichen Spieler den antiken Mythos lediglich als Sprungbrett für eine ganz persönliche Spurensuche. Für das Stück interviewten sich die Ensemblemitglieder gegenseitig, bohrten in den eigenen Familiengeschichten und – sofern möglich – auch bei ihren eigenen Vätern nach.
Wie ist es, ohne Vater aufzuwachsen? Und wie, mit einem fürsorglichen? Was bedeuten uns Begriffe wie „Heimat“ und „Identität“, wenn das familiäre Fundament ins Wanken gerät?
Das Ergebnis ist ein ehrlicher, collagenartiger Abend, der in zwei Teilen die großen Fragen des Erwachsenwerdens seziert. Die Dynamik auf der Bühne lebt vom ständigen Wechsel zwischen der kollektiven Chorerfahrung und dem intimen, verletzlichen Monolog.
Besonders beeindruckend ist der Entstehungskontext des Projekts: „WIR. SÖHNE des ODYSSEUS“ ist nicht etwa in einer klassischen Profi-Schmiede entstanden, sondern als Jahresleistung der Jahrgangsstufen 12 und 13 des Beruflichen Gymnasiums am BSZ für Elektrotechnik Dresden.
Das Theaterkollektiv B14 beweist hier Mut zur Lücke, zur eigenen Schwäche und zu großen Emotionen. Es geht auf der Bühne nicht um den perfekten, unfehlbaren Heldenmythos, sondern um die Frage, wie die heutige Generation ihre eigene Identität baut, wenn die Vorbilder fehlen oder unerreichbar scheinen.
DIE BÜHNE – Das Theater der TU Dresden bietet mit diesem Gastspiel genau der Art von Kultur einen Raum, die das Haus seit Jahrzehnten auszeichnet. „WIR. SÖHNE des ODYSSEUS“ ist ein kluges, berührendes Plädoyer dafür, sich den Geistern der eigenen Familiengeschichte zu stellen. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wir sind vielleicht alle ein bisschen wie Telemach – suchend, manchmal verloren, aber fest entschlossen, unsere eigene Geschichte zu schreiben.
Aufführungsdetails:
Spielort: DIE BÜHNE - Das Theater der TU Dresden (Teplitzer Straße 26, 01219 Dresden)
Termine: Freitag, 29. Mai 2026 & Samstag, 30. Mai 2026, jeweils um 19:30 Uhr.
© Berufliches Schulzentrum für Elektrotechnik Dresden, Strehlener Platz 2, 01219 Dresden
Quelle: https://bszet.de/mitteilung/Auf_den_Spuren_des_abwesenden_Vaters




